“Seaspiracy” – Wenn es doch nur ein Aprilscherz wäre

Aktuell scheint die Dokumentation „Seaspiracy“ in aller Munde zu sein. Es ist die dritte Netflix-Dokumentation vom Filmproduzenten Kip Andersen, der sich zuvor mit „Cowspiracy“ und „What the Health“ einen Namen machte. „Seaspiracy“ zeigt die Problematik der Überfischung, illegaler Fischerei, ungewolltem Beifang und destruktiven Fischereimethoden. Er weist die fehlenden staatlichen und internationalen Kontrollen auf und behandelt auch die Problematik der Meeresverschmutzung sowie der Sklaverei im Fischereigeschäft. Zugleich gilt „Seaspiracy“ als emotional anrührende, aufrüttelnde Dokumentation. Und hält sich tapfer seit mehreren Wochen in den Top Ten der Netflix Charts.

Selbstverständlich habe ich diesen Film gesehen. Und ich möchte mit einem beginnen: Chapeau, Netflix! Es ist euch erneut aufgrund eurer inzwischen unglaublichen Reichweite gelungen, ein längst gesellschaftsrelevantes Thema auf die Bildschirme der Menschen zu bringen. Ihr scheut auch wirklich kein Thema: Selbstmord, Essstörungen, Pädophilie, Umweltschutz und Tierschutz. Das muss man euch lassen. Ich gratuliere, auch wenn es mich nicht wundert, sondern ich lediglich stets euer Marketinggeschick bewundere.

So muss ich wohl dringend vorweg festhalten, dass man mich nicht missverstehen darf. Ich freue mich über jeden/jede, den/die diese Dokumentation erreicht. Über jeden Menschen, den das nun berührt und der ein wenig über sich, seinen Konsum und besonders über die Meere, ihre Lebewesen und den Schutz dieser einzigartigen Welt nachdenkt.

Ist das neu oder muss das sein? Über Sea Shepherd und Dokumentationen

Nun aber möchte ich sagen: Diese Dokumentation hat mich fast gelangweilt und ich bin eher überrascht, wie viele nun überrascht sind. Um dies zu verstehen, bedarf es bestimmt einer Erläuterung. Seit 2002 – also nun fast stolze 20 Jahre – bin ich ein aktiver Sea Shepherd. Wer Sea Shepherd immer noch nicht kennt: Gegründet wurde sie 1977 von Paul Watson. Internationale Bekanntheit und auch meine Aufmerksamkeit und Liebe bekamen sie 2002 (da war ich 19 Jahre alt!). Damals begab sich Sea Shepherd auf ihre erste Kampagne nach Japan, um den illegalen Walfang zu dokumentieren und zu stoppen.

Als ich Sea Shepherd 2013 aktiv unterstützte, galten wir als Öko-Terroristen. Wir sind bis heute die Tierschutz-Rowdys. Niemand weiß so recht, ob wir nun Helden der Ozeane oder doch See-Piraten sind. Aber so war es und ist es stets mit allen Menschen und Organisationen, die auf Missstände aufmerksam gemacht haben oder immer noch tun. Siehe etwa Extinction Rebellion oder Greta mit ihrer Fridays for Future-Bewegung. Ach, was rede ich? Greenpeace zählt in einigen Ländern bis heute noch zu den terroristischen Gruppen.

Vielleicht liegt meine fehlende Überraschung auch an den zahlreichen, ausgezeichneten, sogar Oscar-prämierten Filme, die in all diesen Jahren bis zu „Seaspiracy“ erschienen sind. Hier eine kleine Auflistung mit dem jeweiligen Erscheinungsjahr:

  • Sharkwater (2006)
  • Whale Wars (seit 2008; Serie; 8 Staffeln)
  • The Cove – Die Bucht (2009)
  • Die unbequeme Wahrheit über unsere Ozeane (2009)
  • Blackfish (2013)
  • Inside the tanks (2017)
  • Kapitän Watson – Im Einsatz für die Ozeane (2019)

Offenbar aber reichten all diese Jahre und all diese Dokumentationen und Aufklärungen nicht, um die Masse an Menschen zu erreichen. Denn aus persönlicher Erfahrung kann ich euch sagen: Als ich zuletzt 2015 für Sea Shepherd aktiv wurde, wussten noch immer zahlreiche Menschen gar nicht, wer die sind und warum man denn die Meere schützen sollte. Sie konnten es nicht fassen, dass ich mich zum damaligen „Black Friday“-Aufruf der Sea Shepherd vor das dänische Konsulat stelle, nur, weil 12 Aktivisten*innen auf den Färoer Inseln bei dem Protest gegen einen Grind verhaftet worden sind. Sie dachten, es sei ein Scherz, als vier Polizisten mich mitten in Köln umzingelten. Sie dachten, ich mache Scherze, als ich laut wurde, als Paul Watson in Deutschland verhaftet wurde. Kriminelle darf man nun doch noch verhaften, oder?

Delfinarien und die Liebe zum Meer – Zum Kotzen schöne Wale

Noch vor einigen Jahren verstand meine eigene Mutter nicht, warum sie denn nun keine Delfine oder Wale mehr im Zoo gucken darf oder soll. Auch hier möchte ich jetzt keine Grundsatzdiskussion über Tierhaltung in Zoos eröffnen. Aber uns muss doch inzwischen klargeworden sein, dass diese Haltungsart für einige Tiere auch nicht mehr unter dem Deckmantel des Artenerhalts in Frage kommen kann! Delfine, Haie und Wale gehören in kein Delfinarium der Welt! Es ist auch überhaupt kein Freizeitspaß, solche Zoos und Tierparks zu besuchen! Seit Jahren stehen Menschen aus den Vereinen „Freedom for dolphins and whales“ und „Wal- und Delfinschutz-Forum WDSF“ jedes Wochenende vor den Zoos in Duisburg und Nürnberg, die immer noch Delfinarien betreiben, um die Besucher*innen aufzuklären. Und wir haben es scheinbar immer noch nicht verstanden. Immer noch vergnügen sich Menschen bei SeaWorld Shows oder anderen Freizeitparks im Urlaub mit der vermeintlichen Faszination, einen Delfin oder einen Orca zu sehen.

Und gerade an diesem Punkt erwarten viele Menschen Verständnis von mir. Und sind ganz überrascht, warum ich hierfür null Verständnis habe im Gegensatz zum Fischkonsum zum Beispiel. Ich kann die Faszination sogar verstehen, und gerne wird hier mit Kindern argumentiert, denen man die Tiere doch auch mal live, lebendig und in Farbe zeigen möchte. Traurig ist, dass ich das als Kind vor über 30 Jahren selbst einmal gedacht habe. Ja, vielleicht meine Liebe zum Meer und zu diesen Tieren tatsächlich dadurch entdeckt habe, dass ich sie live in Duisburg sehen und beobachten durfte. Das, was ich damals aus Liebe zu den Tieren für wunderschön erachtet habe, ist das, wofür ich mich heute entschuldigen muss. Weil ich es nicht besser wusste. Und so sehr ich die Faszination verstehe, so sehr weiß ich es eben heute besser. Und deshalb habe ich auch für andere kein Verständnis diesbezüglich, denn wir wissen es besser! Und etwas zu wissen und gegenteilig zu handeln, ist fahrlässig bis hin zu vorsätzlich!

Was also ist die Alternative dazu? Wie bringt man Kindern diese wunderschönen Tiere nah? Diese Frage habe ich Greenpeace gestellt. Und ich bekam eine plausible, sehr einfache Antwort: Besuchen Sie das Ozeaneum in Stralsund! Ich empfehle auch gerne, Urlaub an Orten zu buchen, an denen man an zertifizierten (!) Whale Watching Touren teilnehmen kann. Und die sind nicht weit weg, diese Orte. Wie wäre es mit Schottland, Portugal mit Madeira und den Azoren, Kroatien, Spanien, Island, Norwegen, Schweden? Ist alles machbar und umsetzbar und unsere Kinder sollten lernen, dass diese Tiere nicht einfach im Becken für uns verfügbar sind. Sie sollten ihre pure Kraft und Schönheit in ihrer Lebenswelt entdecken dürfen. Erleben, dass Wale im Meer leuchten, wenn man sie sieht. Aber eben nur im Meer und nicht in einem Planschbecken! Lernt tauchen! Setzt euch mit der maritimen Welt auseinander und geht mit diesen Tieren auf Tauchstation. Aber hört auf, sie durch Becken und Tanks hindurch anzustarren!

Was fehlt in Seaspirarcy? – Die Umweltsünden der letzten Jahre

Die Menschen hielten mich übrigens auch für verbissen und irgendwie merkwürdig verdreht, dass ich seit nun mehr 12 Jahren die Folgen der Deepwater Horizon Katastrophe verfolge und dokumentiere. Und offenbar haben wir vergessen, dass diese nicht die einzige geblieben ist. Denn allein seit Deepwater Horizon gab es sechs weitere schwere Blowouts, Explosionen, Brände und Kenterungen weltweit:

  • Geisum Oil im Roten Meer
  • Vermilion Oilring 380 erneut im Golf von Mexiko
  • Hubinsel Kolskaya im Ochotskischem Meer
  • Elgin Wellhead Platform in der Nordsee
  • Abkatun Permanente wieder im Golf von Mexiko
  • Gunashli Ölfeld in Aserbaidschan

Und das ist lediglich die Anzahl der Bohrinsel-Unfälle. Von Öltanker-Unfällen wie zuletzt vor Mauritius oder an der israelischen Mittelmeerküste oder gar Fällen wie Fukushima fange ich jetzt besser erst gar nicht an.

Keinen Fisch mehr essen – und gerettet sind die Meere

Oh man – und dann kommt Netflix und rettet mich, uns, die Meere und ihre Lebewesen. Schön wäre es, wenn es so einfach wäre. Schön wäre es, wenn „keinen Fisch mehr essen“ die Lösung der Probleme wäre. Und das ist auch meine eigentlich einzige Kritik an „Seaspiracy“. So einfach ist es nämlich einfach nicht.

Ich möchte wahrlich keine moralische Essensdiskussion aufmachen. Selbstverständlich ist jeder Fisch weniger, den wir essen, die bessere Wahl. Aber grundsätzlich halte ich nichts von Diktaten, die man Menschen auferlegt. Denn es gibt für mich nur einen gangbaren Weg, damit Dinge sich grundlegend und mit der vollen Unterstützung der Menschen ändern – und das ist die Freiwilligkeit, auf der diese Entscheidungen beruhen. Natürlich braucht es Aufklärung und Information, neue Erkenntnisse und Bildung, um den eigenen Kurs zu wechseln. Aber entscheiden sollte man sich immer freiwillig.

Warum aber fällt es uns eigentlich so viel leichter Fisch zu konsumieren als Fleisch? Ich denke, es hat viel damit zu tun, dass wir immer noch das Bild vom „kalten Fisch“ im Kopf haben. Wortwörtlich. Er ist nicht nur körperlich kalt, sondern auch emotional kalt. Bis heute sprechen wir Meerestieren weniger Gefühle zu als jedem Landtier. Auch hier natürlich wider besserem Wissen. Aber in unseren Köpfen hat sich dieses (Gefühls-) Bild manifestiert. Hinzu kommt das sofortige Argument, man selbst habe ja auch noch nie Wal oder Hai gegessen. Wirklich nicht? Nie eine Haifischflossensuppe oder eine Schillerlocke? Bist du sicher, dass du Erzeugnisse von Walen noch nie genutzt hast? In keiner Kosmetik, Globuli, keiner Seife und keiner Kerze? Ich würde das noch mal überprüfen. Und vorsichtig sein, wenn ich du wäre und das nächste Mal in Berührung mit Ambra komme. Denn Ambra ist Walkotze, um es mal schlicht auf den Punkt zu bringen. Du bist also bereit, ein Heidengeld dafür auszugeben, um dir die Kotze von Pottwalen auf die Haut zu schmieren, zu sprühen oder diese zu schlucken. Glückwunsch – ich kann mir kaum Ekelhafteres vorstellen!

Doch am schlimmsten ist wohl, dass das Schlachten, Fischen und Töten der Meerestiere so weit weg von uns passiert. Nicht so greifbar ist wie eine Massentierhaltung oder der Bio-Bauer. Es passiert weit weg, dort draußen auf den Weltmeeren, in unvorstellbaren Tiefen und auf irgendwelchen Schiffen. Aber nicht vor unseren Augen. Und wir können uns das Problem von Überfischung, der Brutalität des Tötens gar nicht recht vorstellen. Schließlich sieht der Lachs doch frisch aus, wenn man ihn im Supermarkt kauft. An der Frischetheke wohlgemerkt, weil man keine Massenzucht möchte. Und da er stets noch verfügbar ist, in Hülle und Fülle wie man so schön rund um Ostern sieht, kann es so schlimm ja nun auch nicht sein mit diesen Aquakulturen und dieser Überfischung, oder? Liegt doch noch da in der Auslage für mich. Ich werde nie verstehen, warum wir Dinge, die wir besser wissen, einfach gedanklich durch Konsum und Geschmack gesteuert, nicht verändern. Da fehlt die Rundung in meinem Kopf.

Und dann kommt Netflix und rettet das Meer – Von schönen Illusionen

Und doch brauchen wir mehr, als nur den Verzicht auf Fisch, um die Weltmeere und ihre Lebewesen zu retten und dauerhaft zu schützen. Einige wichtige Punkte gibt „Seaspirarcy“ wieder. Einige weitere, noch heiklere aber lässt die Dokumentation vollständig außen vor. Auch diese möchte ich kurz auflisten:

  • Meeresverschmutzung durch Abwässer und Abgase aus Industrieanlagen wie etwa Gifte und Schwermetalle, die in die Meere gepumpt werden oder abfließen
  • Nährstoffe aus der Landwirtschaft und aus ungeklärten Abwässern, insbesondere Phosphate und Stickstoff, die in die Meere gepumpt werden oder abfließen
  • Lärmverschmutzung der Ozeane durch Schifffahrt, aber auch wachsende Offshore-Industrie für die Erdgas- und Erdölgewinnung
  • Die zunehmende Erdgas- und Erdölgewinnung in küstennahen Gebieten und insbesondere in der Tiefsee
  • Sand, Kies und Steine für Baumaßnahmen (schaut euch mal den Sand-Preis weltweit an!)
  • Die Gewinnung genetischer Ressourcen wie Bakterien, Schwämme zur Entwicklung neuer Medikamente
  • Der Meeresbergbau, also der Abbau von Erzen am Meeresboden, der den Lebensraum insbesondere in der Tiefsee schädigen könnte
  • Zerstörung der Lebensräume durch Hafenerweiterungen, Unterwasserhotels, Hotelanlagen in unmittelbarer Strandnähe
  • Die Zerstörung der Bioinvasion durch die Einwanderung fremder Arten durch den Schiffsverkehr oder Muschelzuchten und die damit einhergehende Veränderung der charakteristischen Lebensräume

Was also können wir bei der Menge an Faktoren tun?
Aufhören, Fisch zu essen, ist bestimmt der erste richtige Schritt. Aufhören oder so wenig wie möglich Plastik zu konsumieren auch, selbst wenn die Doku aufzeigt, dass unsere Zahnbürsten ja eigentlich jetzt auch nicht so schlimm sind. Doch, sind sie und bleiben sie. Es ist der richtige Weg. Aber wir müssen insbesondere aufhören, uns die Erde untertan zu machen. Wir müssen respektieren und akzeptieren, dass wir wirklich nicht mehr so weitermachen können. Und verdammt noch mal müssen wir aufhören, jedes Mal wieder überrascht zu sein! Es gibt seit mindestens 30 Jahren keinen Grund mehr, überrascht über den Zustand unserer Meere zu sein! Mir ist unbegreiflich, wie wir noch so tun und von „neuen“ Erkenntnissen sprechen können.

Wir müssen einfach mal wirklich und endlich ins Machen kommen statt dauernd überrascht vor dem Fernseher zu sitzen! Ich bin für einen Reminder, der uns regelmäßig erinnert, uns solche Dokus noch einmal anzusehen. Damit wir nicht vergessen, nicht wieder verdrängen, uns immer wieder bewusstmachen, welche Konsequenzen wir in Kauf nehmen.

Eigentlich bin ich immer darauf bedacht, solche Texte möglichst neutral und ruhig zu schreiben. Bei diesem Thema gelingt es mir seit 20 Jahren nicht. Dennoch möchte ich euch ein paar Videos mit an die Hand geben. Ihr könnt euch über Organisationen und Aktionen informieren – und ich kann euch nur bitten, hört auf, euren persönlichen Komfort über den Schutz dieser Welt zu stellen. Wir wissen das alles längst und wir müssen endlich wirklich handeln.

Und vielleicht schaut ihr am 20. April 2021 nicht mehr überrascht, wenn ich euch wieder an Deepwater Horizon erinnere.

Ich bin keine Ökoterroristin. Ich bin ein Sea Shepherd, nicht mehr und nicht weniger.

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